![]() |
von Elfriede Kleß
Das Konstanzer Patriziergeschlecht in
der Bünd
A13 Sophie, A14 Elisabeth, A15 Agnes
d) Träger des Namens in der Bünd,
die sich nicht zuordnen lassen
e) Verbindungen zu anderen Familien
IV Tabellarische Übersicht und
Stammtafeln
Fortsetzung: Tabelle I: Männer
Fortsetzung: Tabelle II: Frauen
Tabelle III: Nicht einzuordnende
Personen
Stammtafeln‑auf‑Seiten‑-‑93‑-‑und‑-‑94
Stammtafeln‑auf‑Seiten‑-‑93‑-‑und‑-‑94
Unter den zahlreichen Veröffentlichungen zur Konstanzer Geschichte sucht man vergeblich nach einer umfassenden Bearbeitung des Patriziats. So fehlt auch eine eingehende Darstellung der Familie in der Bünd, deren Vertreter in den für Konstanz so entscheidenden Jahren des 14. Jahrhunderts als Reichsvögte, Bürgermeister oder Ratsherren die Geschicke der Stadt wesentlich mitbestimmten. Das überrascht um so mehr, als es für die Beurteilung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse jener Zeit durchaus von Bedeutung ist, die genealogischen Zusammenhänge innerhalb des Patriziats zu kennen.
In der bisherigen Literatur beschäftigten sich nur wenige mit diesem Geschlecht. Eine reine Aufzählung der ihm namentlich bekannten in der Bünd gab KINDLER VON KNOBLOCH im 1898 erschienenen 1. Band des Oberbadischen Geschlechterbuches[1]. Allerdings fehlen die Quellenangaben, so dass das übernehmen sonst nicht belegter Personen oder Daten ungesichert bleibt. –
Im Rahmen seiner unveröffentlichten Staatsexamensarbeit "Das Konstanzer Patriziat von 1150 - 1300" ging KOCH auf das Geschlecht in der Bünd ein[2]. Er unternahm sogar den Versuch, eine Stammtafel aufzustellen. Da viele Urkunden unberücksichtigt blieben, musste KOCH im Hinblick auf die Genealogie zu Fehlschlüssen kommen. –
Ähnliches gilt auch für das Register des Werkes "Grundeigentumsverhältnisse und Bürgerrecht im mittelalterlichen Konstanz" von BEYERLE[3]. Er fasste zwar alle in seinem Buch berücksichtigten und urkundlich belegten in der Bünd zusammen, ordnete jedoch einige Personen und Daten falsch zu. –
Unter gleichen Mängeln leidet das Einreihen der in der Bünd in den Registern der Bände VI und VII des Thurgauischen Urkundenbuches[4], wie ein Vergleich mit den hier vorgelegten Ergebnissen zeigt.
Ein Problem bei allen genealogischen Untersuchungen für diese Epoche ist die Tatsache, daß, abgesehen von nur selten erhaltenen Testamenten, viele überlieferte Quellen, wie z.B. Ratslisten, Steuer oder Lehenbücher, zwar objektive historische Zeugnisse darstellen, aber kaum einmal die verwandtschaftlichen Beziehungen der genannten Personen erkennen lassen. Dazu kommt, dass die vielfach unpräzisen und von ihrer heutigen Bedeutung abweichenden Verwandtschaftsbezeichnungen oft keine eindeutige genealogische Zuordnung gestatten. Bedenkt man dann noch die überaus geringe Zahl urkundlich überlieferter Eheschließungen und Verwitwungen, die nur ausnahmsweise belegten Wiederverheiratungen oder die kaum vorhandenen Angaben über Töchter, so erscheint es außerordentlich schwierig, das verwickelte Verwandtschaftsgeflecht eines spätmittelalterlichen Patriziergeschlechtes zu entwirren.
In unserem Fall trugen auch Siegelvergleiche wenig zur Klärung bei. In Zweifelsfällen fehlten entweder die Siegel, oder aber der Zeitraum zwischen zwei Dokumenten war so groß, dass auch mit einer Siegeländerung gerechnet werden konnte.
Trotz allem ist es jedoch mit der vorliegenden Untersuchung gelungen, bei den in der Bünd klare Abstammungslinien herauszuarbeiten. Mit einiger Sicherheit lassen sich drei Familiengruppen unterscheiden, die im folgenden mit A, B und C bezeichnet sind. Ihre einzelnen Mitglieder werden durchlaufend nummeriert und nacheinander besprochen. Eine Stammtafel für jede Familiengruppe soll dabei die Übersicht erleichtern; die zu den einzelnen Namen gestellten Jahreszahlen geben den Zeitraum an, innerhalb dessen die betreffende Person belegt ist.
Die Herkunft der in der Bünd lässt sich nicht eindeutig abklären; doch sprechen einige Befunde dafür, dass das Geschlecht eine Zweiglinie der Herren von Zezikoven war, deren Stammsitz oberhalb der Ortschaft Zezikon bei Affeltrangen (Thurgau) lag. Schon KINDLER VON KNOBLOCH betonte die Wappengleichheit beider Geschlechter[5]; außerdem hatten die in der Bünd Besitzungen bei Zezikon, und schließlich fällt die gleiche Stellung als Ministerialen der Herren von Toggenburg auf.
1. Wappengleichheit: Die Wappenrolle von Zürich, um die Mitte des 14. Jahrhunderts angelegt und im Original im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich ausgestellt, zeigt unter der Nr.422 [6] das Wappen derer von Zezikoven: in Rot, aus goldenem Dreiberg wachsend, ein grüner Zweig mit drei silbernen Blüten in goldenen Kelchen; als Helmzier zwei Büffelhörner, außen mit je drei silbernen Blüten besetzt. Die Konstanzer Wappenrolle der Geschlechtergesellschaft zur Katz von 1547 bringt an 28. Stelle das gleiche Wappen für die in der Bünd[7]. Hier ist die Helmzier nur noch ergänzt durch eine zwischen den Büffelhörnern befindliche Büste einer rot gekleideten Jungfrau mit goldenem Haar und hermelinverbrämter Mütze.
2. Landbesitz: Die Urkunde, in der zum ersten Mal von einem Konstanzer Bürger in der Bünd gesprochen wird, belegt, dass er, Hugo in der Bünd, Liegenschaften in der Nähe des Stammsitzes der Herren von Zezikoven, und zwar in Langnau bei Märwil, Gemeinde Affeltrangen, besaß[8]. Dieses Gelände hatte Hugo um 1189 und erneut im Jahre 1210 dem Kloster St. Johann im Thurtal übertragen, jedoch als Zinsgut zurückerhalten. – Aus einer Urkunde von 1394 ist zu ersehen, dass Ulrich in der Bünd aus Konstanz ein Gut im "Bann von Zezikon", genannt "Eberharts Gut", verliehen hatte[9]. Auch diese Tatsache weist auf Verbindungen des Geschlechtes zu Zezikon hin. Der Name "Eberharts Gut" kann möglicherweise ebenfalls als Indiz für einen Zusammenhang mit den Herren von Zezikoven gelten, denn der Name Eppo = Eberhard war in dieser Adelsfamilie beliebt[10].
3. Ministerialenamt: Das Geschlecht von Zezikoven ist ab 1205 urkundlich belegt[11]. Der Name "in der Bünd" taucht erstmals in einer Urkunde vom Jahre 1210 auf8. Aus dieser Zeit ist uns einerseits der aus der Minnesänger-Literatur bekannte Ulrich von Zatzikhoven überliefert, andererseits "miles Hugo dictus de Biunde". Beide waren Ministerialen der Herren von Toggenburg8,[12]. Nach PUPIKOFER soll Ulrich von Zatzikhoven am 3. Kreuzzug, der 1189 begann, teilgenommen haben12. Auch Hugo in der Bünd hatte mit Kaiser Friedrich I. diesen Kreuzzug angetreten, wie aus der Urkunde von 1210 hervorgeht. Vielleicht trennten sich ihre Wege nach der Rückkehr aus fernen Landen. Während Ulrich 1214 die Pfarrpfründe von Lommis verliehen wurde – "Capellanus Vlricus de Cecinchouin plebanus Lomeissae" nennt ihn die Urkunde[13] –, lebte Ritter Hugo bereits als Bürger in Konstanz.
Einen direkten Beweis, der die Annahme bestätigt, dass die beiden Geschlechter wirklich gleichen Stammes sind, gibt es allerdings nicht.
Es ist kaum anzunehmen, dass sich Hugo und seine Vorfahren schon "in der Bünd" nannten, als sie noch als Ministerialen der Herren von Toggenburg im Thurgau lebten. Ein ritterlicher Stammsitz dieses Namens ist nämlich völlig unbekannt. BEYERLE[14] vermutete vielmehr, dass sich die Bezeichnung für diese Familie von ihrem Konstanzer Wohnsitz herleitet. Danach soll sich Ritter Hugo, als er Bürger der Stadt wurde, nicht im engen Marktbereich sondern außerhalb der ältesten Mauern niedergelassen haben, und zwar "in der Bünde" (Biunde, Baint), wie man damals ganz allgemein die durch Zäune oder Hecken geschützten Feldgrundstücke vor einem Ort nannte[15]. Diese Bezeichnung hat sich in alten Flur- und Straßennamen der Umgebung erhalten: Bündtgasse in Allmannsdorf, Untere‑ und Obere Bündt in Wallhausen, Im Bündt in Kaltbrunn oder Bündtstraße und Bündtweg in Kreuzlingen. Die Bünde von Konstanz haben wir zwischen der südlichen Stadtmauer und dem ehemaligen Dorf Stadelhofen zu suchen. Sie umfasste auch das Gebiet der heutigen Neugasse, welches, wie eine Urkunde von 1252 belegt[16], Heinrich in der Bünd gehörte.
Wie nicht anders zu erwarten, wechselte die Schreibweise des Namens in der Bünd im Laufe der Zeit. In den ältesten lateinischen Urkunden lesen wir de Biunde, de Punde oder de Búnthe, später finden wir ussir der Bönde oder zu der Biunde und schließlich in der Búnde, Biúnde, Piunde, Byunde, Biúnt, Búndt, Pundt. Am häufigsten jedoch begegnet uns die Form "in der Búnd", so auch in der Umschrift der erhaltenen Siegel.
Später, als sich die Familie immer mehr verzweigte, tauchten Beinamen auf, die damals sicher deshalb gegeben wurden, um Träger gleichen Namens unterscheiden zu können. Namenszusätze waren Stirn, Kotz, am Rin oder Mock. Eine besondere Bedeutung erlangte der Zweig mit dem Beinamen Rüll. Bei der Darstellung von Familiengruppe A wird näher darauf eingegangen werden.
Ritter Hugo, "vulgo dictus de Biunde", begegnet uns erstmals in einer Urkunde vom 8.4.1210[17]. Er wird hier bereits als Bürger von Konstanz bezeichnet. Wie schon in der Einleitung dargelegt, bestätigte er in diesem Vertrag – auch im Namen seiner Söhne – die Übergabe von einer Hube Land an das Kloster St. Johann im Thurtal. Hugo hatte nämlich, wie dem Schriftstück zu entnehmen ist, als Ministeriale des Herrn Diethelm von Toggenburg vor dem Aufbruch zum Kreuzzug von 1189 diese Schenkung zu seiner und seiner Eltern Seelenheil vorgenommen, die Liegenschaften jedoch als erbliches Zinsgut zurückerhalten. Wenn er kinderlos stürbe, so war festgelegt worden, sollten die Ländereien an das Kloster zurückfallen. Aus all dem ist zu schließen, dass Ritter Hugo um 1170 oder auch schon etwas früher geboren worden sein dürfte, seine Kinder jedoch erst nach 1189 geboren worden sind. Von Hugos Frau ist uns nichts überliefert.
In einem Vertrag vom 31.1.1221[18] zwischen dem Bischof von Konstanz und Graf Diethelm d.J. von Toggenburg trat Hugo als Zeuge auf, ein weiterer Hinweis auf die engen Beziehungen der inder Bünd zum Hause Toggenburg.
Ein letztes Mal wird Hugo schließlich am 31.1.1227[19] in einem Grundstücksvertrag des Stiftes Kreuzlingen genannt, ebenfalls als Zeuge. Er könnte um diese Zeit 50 – 60 Jahre alt gewesen sein, so dass wir nicht unbedingt anzunehmen brauchen, einer der Söhne, die damals ber 30 Jahre alt waren, sei der Unterzeichner gewesen.
Heinrich gehört zu den bekanntesten Personen der mittelalterlichen Stadtgeschichte. Gemäß einer Urkunde vom 18.6.1252[20] teilte er seinen außerhalb der Stadtmauern gelegenen Obstgarten mit Zustimmung des Rats in einzelne Parzellen auf und vergab sie als Erblehen gegen Geldzins. Zur Erschließung des Gebietes wurde in der Mitte eine "neue Gasse" angelegt. Dieses Rechtsgeschäft ist beispielhaft für die Erweiterung einer mittelalterlichen Stadt geworden, indem ein Bürger Grund und Boden, der ihm als freies Eigentum gehörte, durch Einrichtung von Erblehen als Bauland nutzbar machte. Der Vorgang ist deshalb auch vielfach beschrieben worden, so von GOTHEIN[21], BEYERLE[22] u.a. Eine der neuen Parzellen erwarb am 15.2.1254[23] das Kloster Salem.
Das von Heinrich erschlossene Gelände liegt zwischen der jetzigen Bodanstraße und Oberen Augustinergasse einerseits und zwischen den südlichen Teilen der Hussen- und Rosgartenstraße andererseits. Noch heute trägt die durch das Gebiet verlaufende Straße den Namen "Neugasse".
Heinrich gehörte der zweiten oder, des großen zeitlichen Abstands zu Hugo (A1) wegen, wohl eher der dritten Generation dieses Konstanzer Geschlechts an. Eine genauere Zuordnung ist nicht möglich, da keine weiteren Urkunden über ihn vorliegen. Auch sonst geben die beiden erhaltenen Unterlagen keine näheren Aufschlüsse über die Person Heinrichs; sicher ist nur, dass er "Bürger" genannt wird, nicht "Ministeriale".
Ein Dokument vom 13.9.1244 nennt einen H. miles de Búnthe dictus Tumbe (d.h. der Junge, Unerfahrene) als Bürge in einem Vergleich zwischen dem Ritter Konrad von Schmaleneck und dem Kloster Kreuzlingen[24]. Mit diesem "miles" könnte Heinrich (A2) gemeint sein.
Die Vermutung BEYERLEs[25], daß Heinrich (A2) mit dem von 1280 – 1313 in den Quellen belegten Heinrich (A4) identisch sei, ist der großen Nachrichtenlücke wegen wenig wahrscheinlich. Eher ist anzunehmen, daß letzterer zusammen mit seinem Bruder Hugo (A3) einer jüngeren Generation angehörte, daß die beiden vielleicht Söhne des oben genannten Heinrich (A2) waren.
Hugo lieh 1285[26] zwei Hofstätten aus, die außerhalb der Stadtmauern lagen, und zwar an der Morderwiese. Diese Morderwiese grenzte an das Neugassenviertel[27], also an die von Heinrich (A2) 1252 verliehenen Grundstücke. Es ist daher denkbar, daß Hugo Erbe dieser Liegenschaften war und wir deshalb in ihm einen Sohn Heinrichs (A2) sehen könnten. Er hatte einen Bruder Heinrich (A4), mit dem er zwischen 1285 und 1290 in mehreren Quellen zusammen genannt wird[28].
Hugo besaß ein Haus "auf den Platten" (der heutigen Wessenbergstraße); denn nach einer Urkunde von 1282[29] wurden ihm, "siner wirtin und sinen kindern die hofstatt an sinem huse" als Erbzinslehen gegeben. -‑1294[30] bestätigte ihm und anderen Konstanzern Lutold von Regensberg verschiedenen Lehensbesitz, so auch in Hohentengen. – Zu Erblehen gab Hugo 1294[31]ein Haus mit Hofstätte "an dem Graben".
Im Lauf seines Lebens bekleidete Hugo verschiedene angesehene Ämter. Urkunden von 1278[32], 128526 und 1288[33] weisen ihn als Mitglied des Rates aus. 1290 wirkten "her Hug in der Búnde und her Hainrich sin bröder" als Salmannen für das Kloster Salem[34]. Als Zeuge fungierte Hugo beim Kauf sanktgallischer (1289)[35] und bischöflicher (1290)[36] Lehen durch das Kloster Salem. 1295 vermittelte er in einer Streitigkeit zwischen dem Abt von Kreuzlingen und einem Überlinger Bürger[37]. 1296[38] und 1297[39] finden wir ihn als Pfleger des Barfüßerklosters erwähnt.
Daß – nach 100 Jahren – die in der Bünd noch Beziehungen zum Haus Toggenburg hatten, geht aus einer Urkunde vom 20.5.1288[40] hervor. Graf Friedrich von Toggenburg übertrug das Eigentumsrecht eines seiner Güter dem Armenspital zu Konstanz; Hugo und Heinrich (A4) traten dabei als Zeugen auf und außerdem noch Ulrich von Heidelberg, der in anderem Zusammenhang (siehe Conrad A5) von Bedeutung sein wird.
Das wohl letzte Lebenszeichen Hugos liegt uns in einer undatierten Urkunde vor, die nach MARMOR aus der Zeit um 1300 stammen soll